erster
NEWS
Wir sind Helden: Judith Holofernes hadert mit der Popularität
(02.08.10, 10:30 Uhr) „Die Lautstärke des Erfolgs war sehr anstrengend“ – Absage an eine internationale Karriere

Rockstar Judith Holofernes sieht die eigene Popularität durchaus zwiespältig: „Ich bin wohl für einige Aspekte dieses Erfolgs nicht gemacht“, sagte die Sängerin der Band „Wir sind Helden“ der „Neuen Osnabrücker Zeitung (Samstagausgabe). Sie wisse aus Erfahrung, „dass ein bestimmtes Level von Erfolg für mich anfängt, mehr anstrengend als beglückend zu sein“.
Judith, der Wortwitz in Ihren Texten ist oft ziemlich drastisch. Auch in einem neuen Lied heißt es „Meine Freundin war im Koma, und ich krieg nur ein lausiges T-Shirt. Es sagt: Du auch.“ Was ist die Geschichte dahinter?
Es ist tatsächlich eine sehr ernste Geschichte, die Gott sei Dank gut ausgegangen ist. Auf der letzten Tour haben wir einen Anruf bekommen, dass eine sehr enge Freundin von uns und Mutter zweier Kinder einen schweren Autounfall hatte. Das ist eigentlich nix, wo man Wortspiele drüber macht.
Wie kam der Song dann trotzdem auf die Platte?
Als ich das geschrieben habe, dachte ich: „Das ist zu krass. Das kannst du eigentlich nicht machen.“ Ich habe es dann Pola auf dem Klavier vorgespielt, und auch er fand es viel zu krass. Unsere Freundin wiederum fand es total toll und hat gesagt, dass sie sogar traurig wäre, wenn es nicht auf die Platte kommen würde.
Ist Ihr Humor in den Texten dann eine Form der Aneignung der Realität?
Es ist definitiv auch eine Verarbeitungsstrategie. Es ging mir aber in diesem Fall noch mehr darum, die Verstörung, die so ein Vorfall auslöst, in ein Lied zu packen. Und darüber zu schreiben, wie viel es auch über einen selbst sagt, an unangenehme eigene Ängste rührt.
Wenn man drüber lachen kann, dann ist es nicht so tragisch.
Genau. Wobei es ein Lied ist, wo einem nach der ersten Zeile das Lachen im Hals stecken bleibt. Das ist ja auch bewusst irreführend.
Es soll auch schocken?
Richtig, weil es auch um Schock geht und um die Gleichzeitigkeit von Gefühlen. Einerseits die ganz mitfühlenden und anderseits die sehr eigensüchtigen Gedanken.
Was wäre denn ein geeigneteres Mitbringsel aus dem Koma für Sie?
Meine Freundin erzählte mir von dem komischen Gefühl, dieses weiße Licht mit vollen Händen jetzt austeilen zu müssen. Wenn sie unglücklich mit ganz alltäglichen Dingen war, sagten andere ihr: „Sei doch froh, dass du lebst.“ Aber damit kann man seinem Vermieter nicht kommen. Der Alltag hat einen schnell wieder. Da braucht man Kraft.
Das neue Album erzählt in großen Bögen: Es geht von Geburt zum Tod, aber vor allem ist es irgendwie persönlicher geworden. Sollte das so sein?
Es hat sich so ergeben. Da ist wenig Konzept dahinter. Aber als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich gemerkt, dass ich auf eine ganz wohltuende Art und Weise das sichere Gefühl hatte, erst mal genug gesagt zu haben. Der Blick ins eigene Innere kommt da fast automatisch. Da ist meistens mehr los, und da verändert sich auch mehr. Natürlich sind alle anderen Themen nicht mal hinlänglich bearbeitet.
Die Welt ist noch nicht gerettet?
Genau, aber die Sachen, die mich jetzt bewegen, wenn ich die Welt schaue, sind die gleichen wie früher, aber darüber habe ich auch schon geschrieben. Und gerade versuche ich, mehr in mich reinzuhören, und schreibe eben darüber.
Die „Helden“ sind immer noch keine Gute-Laune-Band. Sie haben zwei Kinder, die Band ist erfolgreich, aber Ihre Songs werden immer dramatischer.
Das stimmt. Dramatisch ist genau das Wort dafür! In unserer Single „Alles“ geht es zum Beispiel um die dramatische Vision, dass all unser Suchen und Wollen mit einem unsanften Rumms von oben beendet würde: Erlösung meets American Football. Meine Familie macht mich glücklich und diese Band auch. Beides zusammenzuführen ist schwierig. Ich muss sagen, dass mich der Versuch, beides zu vereinbaren, ziemlich viel Kraft gekostet hat.
Wie sieht denn dieser Kampf aus?
Viele der Lieder sind aus Erschöpfung entstanden. Und aus der Sehnsucht nach zu Hause. Ich bin wohl für einige Aspekte dieses Erfolgs nicht gemacht. Mit dieser Platte hat es was Zwiespältiges: Ich wünsche mir, dass viele diese Platte toll finden. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass ein bestimmtes Level von Erfolg für mich anfängt, mehr anstrengend als beglückend zu sein.
Was ist dabei das Schwierige für Sie?
Ganz platt: Je mehr die Leute etwas von dir wollen, desto mehr Arbeit ist es. Und das ist mit zwei Kindern schwer zu vereinbaren. Also: Je heißer der Shit, desto mehr Arbeit. Das ist einfach so. Diese Lautstärke des Erfolgs der letzten Jahre war sehr anstrengend.
Welchen Einfluss übt die Musikindustrie auf Ihre Persönlichkeit aus?
Es ist nicht besonders gut für die Seele, wenn so viele Leute Interesse an einem anmelden. Der Erwartungsdruck vonseiten der Industrie und vonseiten der Fans ist irre hoch. Wir haben auf der letzten Platte mit „Soundso“ schon beschrieben, wie man eben „so und so“ zu sein hat. Dabei hat sowohl Humor als auch Aggression eine Rolle gespielt.
Aber es war doch eher ein fatalistischer Humor.
Ja, es war der Tanz mit ausgestrecktem Mittelfinger, bei dem wir hinter dem Vorhang verschwunden sind wie in der Muppet-Show. Und in der Pause habe ich dann gemerkt, dass ich nicht nur an meine Grenzen gegangen bin, sondern darüber hinaus.
Weinen Sie dann? Schlagen Sie um sich?
Auf Tour hatte ich Schlafstörungen, weil ich dachte, ich muss sowieso nicht mehr schlafen. Ich kann jetzt verstehen, warum Drogen bei Rockstars eine Rolle spielen.
Es war wohl knapp.
Ich verstehe jetzt total, warum Künstler bei den Drogen landen können. Als ich angefangen habe zu meditieren, hat meine Mutter schon lachend gesagt: „Haha, entweder Drogen nehmen oder meditieren.“ Es ist ja auch so: Einige Künstler nehmen entweder Drogen oder schlagen irgendwelche spirituellen Wege ein, denn so viel Ego und Bestätigung für die eigene Person ist nicht gesund. Es geht die ganze Zeit um dich.
Die Musikindustrie trägt auch perfide Züge: In Ihrer Debütsingle „Guten Tag“ kritisieren Sie das System und haben genau damit Erfolg. So sind Sie mit der Piratenfahne durch die Gegend geschwommen, und die anderen haben mit Ihnen das Geld verdient.
Dieser Aspekt ist zwiespältig, aber nie so zwiespältig, wie es von außen ausgesehen hat. Wer A sagt, muss nicht immer auch B sagen. Ich finde eher, dass es darum geht, irgendwo anzufangen, und dass es eigentlich die große Kieferstarre und Lähmung meiner Generation ist, so absolut konsequent sein zu wollen, dass man manches überhaupt nicht mehr machen kann. Also nie wieder Spaß haben oder tanzen kann.
Es ist wohl etwas komplexer?
Ja, wir sind in so einer Totenstarre. Dass man weiß, wie komplex die Welt ist, und deswegen denkt, wenn der Regenwald nicht mehr gerodet wird, die Leute vielleicht verhungern und ich deswegen nichts mache und mich lieber wie ein Opossum hinlege. Gegen diese kollektive Depression muss man was tun. Und deswegen habe ich auch „Alles auf Anfang“ geschrieben, weil ich finde, dass Konsequenz erst da aufhört, wenn man anfängt, sich selbst zu verraten. Erst da wird es ganz schnell auch giftig und selbstzerstörerisch. Aber bei Konsequenz darf es nie nur darum gehen, nur irgendwelche Ansprüche oder Bilder zu erfüllen.
Konsequenz geht nur also nur dann, wenn man es tatsächlich auch überblicken kann. Sie und die Band sprechen auch nicht mit der Boulevardpresse, vor allem nicht mit der „Bild“-Zeitung, obwohl es ja den Marktwert steigern würde.
Ja, zu jeder Echo-Verleihung kommt eine Anfrage, aber sie vergessen es dann nach zwei Wochen wieder. Uns haben sie wenigstens noch nicht gedroht. Ich kenne Leute, denen die „Bild“-Zeitung gedroht hat, wenn sie nichts mit ihnen machen.
Womit drohen die dann?
Sie sagen: „Wir haben deine Karriere in der Hand, wir können sie von heute auf morgen zerstören, wenn du nicht mit uns über, sagen wir, den tragischen Tod deiner Mutter sprichst. Schreiben tun wir sowieso darüber, also sprich lieber mit uns.“ So was kommt dann.
Nicht ganz im Ernst gefragt: Enttäuscht Sie das, dass die „Bild“-Zeitung noch nicht gedroht hat?
Na ja, vielleicht sollten wir das als Zeichen für unseren Marktwert nehmen. Ich wollte ja mal ein Lied über die „Bild“-Zeitung schreiben, aber dann hatte ich doch keine Lust, mich so tief damit zu beschäftigen. Ich wollte das nicht alles erst lesen müssen.
In den Lehrbüchern des Goethe-Instituts werden Ihre Texte für französische Deutsch-Schüler eingesetzt. Das hat mich gewundert, weil selbst viele Deutsche eure Texte wohl gar nicht so leicht verstehen. Wie kam das?
Die haben ganz einfach angefragt. Und manchmal denken wir auch selbst, dass wir mehr in Frankreich touren müssten, weil uns die Schüler kennen. Aber wir haben in Deutschland schon genügend um die Ohren. Um im Ausland das Album ordentlich zu promoten, braucht man viel Zeit - und das ist gerade Mangelware bei uns.
Sie haben aber trotzdem mal ein Lied auf Französisch veröffentlicht, in London gespielt. Es gibt sogar ein Lied auf Japanisch. Sind das Spielereien, oder gibt es in der Band Welteroberungsgelüste?
Es waren eigentlich eher Spielereien, aber natürlich kriegen wir manchmal Welteroberungsgelüste. Im Internet ist unser Gästebuch voll von Einträgen aus fernen Ländern, und natürlich gucken wir manchmal ein bisschen neidisch auf unsere befreundeten Bands, die die Hälfte des Jahresmit dem Goethe-Institut in der Welt herumreisen. Aber mit den Kindern ist derZug für uns einfach abgefahren.
Es ist doch eigentlich schön, dass auch Rockstars auf ihre Kinder achten müssen. So normal?
Ja, klar. Ehrlich gesagt, ist es aber auch ohne Kinder anstrengend.
Die Platte heißt „Bring mich nach Hause“. Wie sieht Ihr ideales Zuhause aus?
So ungefähr wie ein Pop-up-Bubble-Zelt, das ganz klein ist und sich leicht entfalten lässt. So etwas bräuchte ich als Zuhause für unterwegs. Mein ideales Zuhause wäre also eins, das man überall auffalten kann, ein inneres Zuhause, das man in jeden kalten, harschen Backstageraum dieser Nation mitnehmen kann. Mit Blümchen drin und einer Lichterkette statt Neonlicht.
Kommentare
hey fox, wäre es vorstellbar, dass refugee vielleicht auch für die noz schreibt, weil das osc-mag ja auch ein interview mit judith holofernes hatte, das refugee geführt hat? :-) oder aus anderen gründen vielleicht die beiden häuser zusammenarbeiten? :-) und könnte es dann sein, dass refugee dieses interview vielleicht so selbst geführt hat?
Du hast vergessen, sie zu fragen, wann wir endlich heiraten ![]()
So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende...



na happy birthday..

